Auf dem Weg zur Energieregion Linth

«Neue Wege werden immer von wenigen gesucht, dann aber von vielen begangen.» Das ist eine der starken Aussagen aus dem spannenden Gespräch mit zwei engagierten Vordenkern der Energiewende, das viel Zuversicht und Aufbruchstimmung für die Region vermittelt.

Das Glarnerland schrieb ein prägendes Stück Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Wache Geister aus der Region riskierten vor 200 Jahren neue Wege. Sie hatten ein Gehör für Zukunftsmusik und setzten auf die damals revolutionäre Nutzung der Wasserkraft mit Turbinen. Sie wagten den damals höchst umstrittenen Schritt von der Hand- und Heimarbeit zu Maschinen und Fabriken. Die Linth spielte dabei eine Schlüsselrolle. Sie war das Rückgrat der damaligen Energiewende.

Heute stehen wir an einem ähnlichen Punkt. Die Welt wandelt sich rasch und tiefgreifend. Energie spielt dabei wie immer eine entscheidende Rolle. Nun bietet sich die Linth als das geografische Rückgrat der «Energieregion Linth» und der damit verbundenen nächsten Energiewende an.

Arbeitsgruppe & Allianz

Ernst Reinhardt aus Weesen und Jürg Rohrer aus Niederurnen sehen die nächste, unvermeidliche Energiewende vor allem als grosse Chance für das Linthgebiet.

Sie sind beide davon überzeugt, dass eine natürliche «Energieregion» zwischen den Quellen der Linth und dem oberen Zürichsee erneut eine erfolgreiche Pionierrolle spielen kann und muss. Für beide ist die Energiewende eine viel versprechende und bereits heute konkrete Perspektive.

Anlässlich des viel beachteten FLL-Anlasses «Hier spielt die Musik!», der am 4. November in Kaltbrunn stattfand, lieferten die beiden initiativen Vordenker spannende Antworten zur Energiezukunft der Region.

Ernst Reinhardt, für das Forum Lebendiges Linthgebiet (FLL) haben Sie mit grossem Enthusiasmus den Vorsitz der Arbeitsgruppe Energiewende übernommen. Kann ein Grüpplein engagierter Bürger überhaupt etwas zur Energiezukunft beitragen?

Neue Wege werden immer von wenigen gesucht, dann aber von vielen begangen. Wir wollen durch konkrete Massnahmen und in öffentlichen Diskussionen Bewusstsein und Wissen für Herausforderungen der Energiewende klären. Denn es ist ein langer Weg, auf dem unsere Gesellschaft keine Chancen verpassen sollte.

 Was betrachten Sie als die wichtigste Aufgabe der FLL in dieser Frage? Mit welchen Themen und Mitteln gehen Sie Ihre Aufgabe an?

FLL stösst diesen Prozess an, die Energieallianz soll dafür die Plattform und der Ansprechpartner werden. Mit Beratungsangeboten für Konsumenten, Hausbesitzer, Institutionen, Investoren (siehe dazu www.energiallianz-glaruslinth/energieberater) soll das Umdenken und das Umhandeln gefördert werden.

Jürg Rohrer, Sie sind Präsident der Energieallianz Glarus-Linth. Als Dozent an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wädenswil (ZHAW) leiten Sie die Forschungsgruppe Erneuerbare Energien. Was brauchts, damit wir uns ernsthaft Energieregion nennen dürfen?

Wir sollten die Selbstversorgung mit Energie wesentlich rascher erreichen als andere Regionen und damit eine gewisse Pionierrolle übernehmen. Es wäre auch sinnvoll, die Realisierung der Ziele der Energiestrategie 2050 des Bundesrates bereits früher, z.B. im Jahre 2035 anzustreben.

Was für Vorteile brächte eine Energieregion Linth den Einwohnern?

Wenn wir möglichst viel Energie in der Region produzieren, bleiben die Ausgaben für Energie in der Region. Das schafft zusätzliche Arbeitsplätze, vor allem im Gewerbe. Zudem werden wir unabhängiger vom Ausland. So steigern wir die Versorgungssicherheit und können die Preise für Energie selbst bestimmen.

Mit welchen Nachteilen müssen wir rechnen, wenn wir das Thema Energiewende verdrängen und aufschieben?

Wir würden vor allem eine Chance verpassen: Drei Viertel unseres Energiebedarfes decken wir heute aus fossilen Ressourcen (Erdöl, Erdgas). Weltweit nimmt der Kampf um diese Energieträger zu. Die Preise werden sicher steigen. Zudem stammen zwei Drittel des «ökologischen Fussabdrucks» der Schweiz aus der Verbrennung von Erdöl und Erdgas. Dies ist auch die Hauptursache des Klimaproblems.

Was einerseits eine Bedrohung darstellt, ist zugleich eine grosse Chance: Auf der ganzen Welt wird nach Lösungen gesucht. Wer funktionierende Lösungen aufzeigt und bei sich selber realisiert, wird dieses Know-how auch exportieren können. Falls wir unsere Energie-Ressourcen nicht selber ausschöpfen, werden dies andere tun. Dann hätten wir definitiv das Nachsehen.

Noch eine Frage an Ernst Reinhardt: Wo sehen Sie die besten Chancen für erste, sichtbare Schritte zur Energiewende im Linthgebiet?

Die be- und entstehenden Energiekonzepte für grosse Gemeinden und Regionen sollen dem Konsumenten und Bürger näher gebracht werden. Ich stelle mir ein modernes Nachschlagewerk mit schlauer Suchmaschine im Internet vor, das bei Gemeinden, Schulen, der Energieallianz und verwandten Organisationen aufgeschaltet ist. Und die Regionalpresse könnte nicht nur über Vereine, sondern auch über das alle betreffende Thema Energiewende regelmässig berichten.

Die letzte Frage geht an beide Herren: Sie ziehen offensichtlich am gleichen Strick und in dieselbe Richtung. Wäre es nicht energieeffizienter, wenn man die zwei Organisationen fusioniert?

E.R.: Fusion ist hier kein effizienter Weg. Die Energieallianz Glarus-Linth sollte vielmehr neben ihren bisherigen Aufgaben, die sie überzeugend angepackt hat, zum Dach gleichgesinnter Initiativen und Gruppen in der Region werden. Damit würde die Marktnähe erhöht. So liesse sich arbeitsteilig die Zusammenarbeit mit den Gemeinden stärken. Das FLL kann dabei seine Stärken in der Öffentlichkeitsarbeit einbringen.

J.R.: Ich sehe auch eher eine noch engere Zusammenarbeit. Das FLL ist bei den Gemeinden sehr gut verankert und wird durch diese finanziert, während die Energieallianz heute eine echte Bürgerbewegung ist. Wir konzentrieren uns auf den Energiebereich, während das FLL auch viele andere Aufgaben wahrnimmt. Die Rolle der Energieallianz sehe ich als kompetente, unabhängige Beratungsstelle, als Koordinator und als Projektentwickler – letztendlich als Katalysator für die regionale Energiewende.

Text & Fragen: Daniel Luther im Auftrag der FLL_Arbeitsgruppe Energiewende

 

Ernst Reinhardt und Jürg Rohrer engagieren sich für eine Region, die die Chancen der Energiewende erkennt und nützt.

 

Foto: ©2013 Daniel Luther (kostenlos)